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39. Jahrgang Heft 2 Februar 2018

Originalarbeit
Dieter Kaag und Raphaela Speiser, Heidelberg
Vergleich von vier unterschiedlichen PIM-Kriterien

Diese Arbeit wurde in Teilen als Poster auf dem 5. Kongress für Arzneimittelinformation am 3. und 4. Februar 2017 in Köln präsentiert. Hintergrund: Der Anteil älterer Menschen weltweit wächst, mit der möglichen Folge einer Zunahme an thorakalen Tumoren in der Bevölkerung. Nicht selten nehmen ältere Menschen fünf oder mehr Arzneimittel ein und sind somit einem erhöhten Risiko für unerwünschte Arzneimittelwirkungen durch ernstzunehmende potenzielle Interaktionen (epIA) und potenziell inadäquate Medikation (PIM) ausgesetzt. Gerade geriatrische Tumorpatienten unter Chemotherapie sind einem erhöhten Risiko durch Polypharmazie (PP) ausgesetzt. Ziel dieser Arbeit war die Untersuchung der Prävalenz von PP, PIM entsprechend vier Kriterien und epIA. Methoden: Retrospektiv wurden Daten von 200 stationären Lungenkrebspatienten  65 Jahren unter zytotoxischer Therapie erhoben. PP, PIM nach Beers, EU(7), STOPP und FORTA D sowie Interaktionen wurden erfasst und die Korrelationen untereinander und mit Patientencharakteristika untersucht. Ergebnisse: Das Durchschnittsalter der Patienten betrug 70,8 Jahre, 74 % hatten einen ECOG-Performance-Status  1, und die mittlere Anzahl an Dauer- bzw. temporären Medikamenten betrug jeweils 7,5 und 6. 75 % hatten PP, 48 %, 49 %; 41 % und 21 % erhielten mindestens ein PIM nach Beers, EU(7), STOPP und FORTA D und bei 12 % wurden epIA erfasst. Die PIM-Listen korrelierten mit Ausnahme von FORTA D gut miteinander. Signifikante positive Korrelationen ergaben sich zwischen PP und allen PIM-Kriterien, PP und epIA und PIM nach Beers, EU(7) und STOPP, jedoch nicht FORTA D, mit epIA. PP und alle PIM-Kriterien zeigten positive Korrelationen mit ECOG und negative mit dem Alter der Patienten. Schlussfolgerung: PP, PIM und epIA waren bei unseren Patienten häufig zu beobachten. Trotz Unterschieden an erfassten PIM je nach Liste zeigten alle PIM-Kriterien vergleichbare Korrelationen mit ECOG und Patientenalter.

Schlüsselwörter: Polypharmazie, potenziell inadäquate Medikation, Arzneimittelinteraktion, Lungenkrebs, Ältere, Chemotherapie.

Krankenhauspharmazie 2018;39:43–9.

Polypharmacy, potentially inappropriate medication use, and drug-drug interactions in older hospitalized lung cancer patients receiving chemotherapy: comparison of 4 different PIM criteria

Objectives: The proportion of people ≥ 65 years is growing, thereby increasing the potential number of people with thoracic malignancies. Frequently, elderly patients take ≥ 5 medications, exposing them to an elevated risk of adverse events by severe potential drug interactions (sPDI) and potentially inappropriate medications (PIMs). Especially geriatric cancer patients receiving chemotherapy are at an increased risk caused by polypharmacy (PP). We evaluated the prevalences of PP, PIMs according to 4 criteria, and sPDIs.

Methods: In a retrospective chart review, we collected data from 200 hospitalized lung cancer patients ≥ 65 years receiving chemotherapy. PP, PIMs according to Beers, EU(7), STOPP, and FORTA D, and sPDIs were determined and correlations with one another and with patient characteristics were explored.

Results: Mean age of patients was 70.8 years, 74 % had ECOG performance status ≥ 1, mean number of regular and temporary medications were 7.5 and 6, respectively. 75 %, 12 %, 48 %, 49 %, 41 %, and 21 % were exposed to PP, sPDIs, PIMs (Beers, EU(7), STOPP, FORTA D), respectively. PIM lists correlated well with one another with exception of FORTA D. Significant positive correlations were seen between PP and all PIM criteria, PP and sPDIs, and PIMs according to Beers, EU(7), STOPP, but not FORTA D with sPDIs. PP and all PIM lists showed a positive correlation with ECOG and a negative one with age.

Conclusions: PP, PIMs, and sPDIs were common in our patients. Although differences occurred between PIMs identified according to the 4 lists, all 4 PIM tools showed similar correlations with ECOG and age.

Key words: polypharmacy, potentially inappropriate medication, drug interaction, lung cancer, elderly, chemotherapy.



Übersicht
Hans-Peter Lipp und Dorothee-Lena Müller, Tübingen
Pharmakoökonomische Überlegungen zum Einsatz von Argatroban vs. Danaparoid – ein Update 2017

Die Heparin-induzierte Thrombozytopenie Typ II (HIT II) stellt eine ernstzunehmende Komplikation dar, die im Rahmen einer Therapie mit unfraktioniertem oder niedermolekularem Heparin auftreten kann. Auch wenn die 4T-Score-Bestimmung als Hilfestellung weit verbreitet ist, ist sie in der Intensivmedizin nur mit Einschränkungen zu verwenden. Zur Behandlung einer manifesten HIT II sind die Wirkstoffe Argatroban und Danaparoid zugelassen. Argatroban wird in der Praxis jedoch oft in einer niedrigeren als der zugelassenen Dosierung eingesetzt, um eine 1,5- bis 3-fache Erhöhung der aPTT bezogen auf den Ausgangswert zu erreichen. Neben einer massiven Preiserhöhung bei der handelsüblichen Danaparoid-Formulierung hat die mittlere Argatroban-Dosierung von 1 µg/kg/min mittlerweile dazu geführt, dass der direkte Thrombininhibitor gegenüber dem Heparinoid unter pharmakoökonomischen Gesichtspunkten als Mittel der 1. Wahl eingesetzt wird.

Schlüsselwörter: Heparin-induzierte Thrombozytopenie Typ II, 4-T-Score-Bestimmung, Argatroban, Danaparoid, Pharmakoökonomie

Krankenhauspharmazie 2018;39:50–6.

Management of heparin-induced thrombocytopenia type II (HIT II) – Pharmacoeconomic considerations with argatroban and danaparoid – an Update 2017

Heparin-induced thrombocytopenia type II (HIT II) represents a serious complication which can occur during treatment with unfractionated or low molecular weight heparin. Although 4T score assessment is broadly used as a screening tool, its predictive role in critical care medicine is limited. Argatroban as well as danaparoid have been approved for HIT II management. Meanwhile with argatroban, lower than approved dosages are routinely used in clinical practice to reach the aPTT target. Based on this experience as well as a massive increase of purchasing conditions for danaparoid-containing commercially available formulations argatroban is the first choice in HIT II management.

Key words: Heparin-induced thrombocytopenia type II, 4T score assessment, argatroban, danaparoid, pharmacoeconomics.



Der klinisch-pharmazeutische Fall
Julia H. Hartmann, Fabian Weykamp, Stefan Welte, Jürgen Debus, Torsten Hoppe-Tichy und Kim F. Green, Heidelberg

Der vorliegende Fall beschreibt die Interaktionen einer komplexen Medikation und die Schwierigkeiten, die sich bei einer Änderung der medikamentösen Therapie ergeben können.

Krankenhauspharmazie 2018,39:57–9.



Serie
Elfriede Nusser-Rothermundt, Stuttgart
Eine neue Herausforderung für das Qualitätsmanagement

Als neuer Trend im Qualitätsmanagement wird die Integration eines Risikomanagements gefordert. Für Krankenhausapotheken kann Risikomanagement als Beitrag zu Arzneimitteltherapiesicherheit genutzt werden. Deshalb sollte in jeder Apotheke ein Qualitätsplan erstellt werden, der die Integration des Risikomanagements in das Qualitätsmanagementsystem beinhaltet. Eine auf Basis der ONR 49000 erstellte Szenario-Analyse zur Identifizierung der Hauptrisiken kann dazu benutzt werden – mit dem Ergebnis, die Risiken in einer Risikolandkarte darzustellen.

Krankenhauspharmazie 2018;39:60–6.

Risk management in hospital pharmacy – a new challenge for quality management

Trends in quality management focus on risk management. For hospital pharmacies prevention of adverse effects for drug therapy are main focus of interest. Therefore a quality plan on integration of risk management into the quality management system needs to be outlined. ONR 49000 based scenario analysis can be used for integration of risk management and visualizing the risks in a riskmap.

Key words: Risk management, trends, methods, risklandscape, Hospital pharmacy, ONR 49.000, patient safety



Dr. Gesine Picksak für den Ausschuss für Arzneimitteltherapiesicherheit
Medikationsfehler

Unzureichend beschriftete Spritzen stellen im Arbeitsalltag auf Station immer wieder eine Herausforderung dar. Nicht selten kommt es vor, dass eine vorbereitete, bereits aufgezogene Lösung anders als eigentlich vorgesehen appliziert wird.



Referiert & kommentiert: Aus der internationalen Literatur
Bettina Christine Martini, Legau
Risiko schwerer Infektionen bei immunsuppressiver Therapie in der Schwangerschaft

Frauen mit entzündlichen Autoimmunerkrankungen wie rheumatoider Arthritis oder Lupus erythematodes bedürfen auch während einer Schwangerschaft einer wirksamen Therapie. Eingesetzt werden Glucocorticoide, Nicht-Biologika wie Methotrexat, Sulfasalazin, Leflunomid oder Hydroxychloroquin sowie TNF-α-Inhibitoren (z. B. Etanercept, Infliximab, Adalimumab, Certolizumab, Golimumab). In einer großen Kohorten-Studie wurde untersucht, wie hoch das Risiko für schwere Infektionen während der Schwangerschaft ist und inwieweit es Unterschiede zwischen den Substanzgruppen gibt.



Dr. Petra Jungmayr, Esslingen
Kontinuierliches Glucosemonitoring vermindert Schwangerschaftskomplikationen

Schwangere mit Typ-1-Diabetes profitieren von einer kontinuierlichen Glucosemessung. Ihre Blutzuckereinstellung ist etwas besser als unter einer konventionellen Blutzuckerbestimmung. Der eigentliche Benefit zeigt sich für die Neugeborenen, unter anderem in einem geringeren Geburtsgewicht und weniger Stoffwechselentgleisungen.



Dr. Sabine Fischer, Stuttgart
Wirkung von Azithromycin auf Asthma

Für Patienten mit unkontrolliertem Asthma bronchiale kann orales Azithromycin als Add-on-Therapie hilfreich sein. Dies zeigt die vorliegende AMAZES-Studie. Sie untersuchte den Einfluss von Azithromycin auf Asthma-Exazerbationen und Lebensqualität.



Referiert & kommentiert: Kongresse, Symposien, Konferenzen
Dr. Susanne Heinzl, Reutlingen
Inflammationshypothese bei KHK bewiesen

Erstmals ist es mit einer rein antientzündlichen Therapie gelungen, die Prognose von Patienten nach Herzinfarkt und mit hohem Spiegel des hochsensitiven C-reaktiven Proteins (hs-CRP) zu verbessern. Der Interleukin-1-beta-Inhibitor Canakinumab senkte im Vergleich zu Placebo das relative Risiko für kardiovaskuläre Komplikationen um 15 %. Dies ergab die randomisierte, doppelblinde Studie CANTOS (Canakinumab antiinflammatory thrombosis outcome study), deren Ergebnisse auf dem Jahreskongress der European Society of Cardiology im August in Barcelona vorgestellt und parallel im New England Journal of Medicine publiziert wurden.



Notizen
Bettina Christine Martini, Legau